Einblicke ins IBA Radlabor 2010, Wilhelmsburg

Packende Vorträge, interessante Zahlen und ein Stadtteil in Depression

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Am 27. und 28. Mai fand in Wilhelmsburg eine vielversprechende Tagung zu urbanem Radverkehr im Rahmen der IBA Hamburg 2010 statt (Programmheft). Etwas skuril, das ausgerechnet eine Internationale Bauausstellung in Wilhelmsburg eine der interessantesten Radverkehrsveranstaltungen der letzten Jahre nach Hamburg brachte.

iba_radlabor_2Eine Radtour durch das „Wilhelmsburg von Morgen“ brachte mir zum Anfang der Veranstaltung ganz neue Eindrücke vom Hamburger Stadtteil mitten in der Elbe. Deprimierend und durch seinen morbiden Charme doch faszinierend zugleich präsentiert sich mir der lange vernachlässigte Stadtteil. Die infrastrukturellen Vorraussetzungen für das Radfahren sind hier denkbar ungünstig und eine Bevölkerungsstruktur mit vielen Zuwanderern, die das Radfahren aus ihrem Kulturkreis nicht kennen, erschwert die Erschliessung Wilhelmsburgs für das Rad zusätzlich.

Zurück im IBA-Dock auf der Veddel hätte der Kontrast nicht  größer ausfallen können: modernes Design, kostenlose Getränke, freundliche studentische Bedienung, professionelle Moderation. Soviel Gelder wurden in Wilhelmsburg vermutlich nicht häufig für Veranstaltungen aufgebracht, IBA macht es möglich! Auch die Liste der Vortragenden konnte sich sehen lassen. Hier einige Auszüge:

Niels Tørsløv, Director Traffic Department Copenhagen, stellte die Kopenhagener Radfahrer-Wirklichkeit vor. Von geradezu paradiesischen Zuständen konnte er berichten:

  • 37% Radverkehrsanteil
  • mehr als € 20 pro Einwohner und Jahr für Fahrrad-Infrastruktur
  • grüne Welle für Radfahrer auf den Hauptrouten
  • neue Brücken über den Hafen nur für Rad- und Fussverkehr
  • Schneeräumen beginnt in Kopenhagen mit den Radwegen!

Dr. Ing. Axel Friedrich, Leiter a.D. der Abteilung Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, hatte beeindruckende Zahlen zum Thema Radverkehr versus Autoverkehr zusammen getragen, hier einige Beispiele:

  • Finanzierung von Verkehr am Beispiel Freiburg: bei einem Radverkehrsanteil von 19% wird nur 1% der Verkehrsausgaben der Kommune für Radverkehrsinfrastruktur ausgegeben
  • dagegen „rechfertigen“ 42% PKW-Verkehrsanteil Ausgaben von 87% der Gesamtausgaben für Verkehrsinfrastruktur
  • im fließenden Verkehr beansprucht das Auto 10 mal soviel Platz wie das Fahrrad
  • im ruhenden Verkehr benötigt das Auto ca. 5 mal soviel Platz wie das Fahrrad

Weitere Informationen können dem Vortrag von Dr. Ing. Axel Friedrich entnommen werden.

Politik glänzte weitgehend durch Abwesenheit

Ob von dieser Veranstaltung Impulse für ganz Hamburg ausgehen, wird die Zukunft zeigen. Gelesen habe ich in der Presse jedenfalls nichts über das IBA Radlabor! Da hochrangige Politiker auch nicht anwesend waren, darf eine Breitenwirkung in Politik und Verwaltung bezweifelt werden. Es wurden leider wieder nur die Menschen vom Nutzen des Radfahrens „überzeugt“, die sich schon jetzt für das Thema engagieren.

Arne Meier

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